Freitag, 30.07.2010

Die laufende Betreuung unseres redaktionelen Angebotes muss vorübergehend unterbrochen werden.

Ressorts
Titelseite
Soziales
Umweltschutz
Kultur
Internationales
Gesellschaft
Zivilgesellschaft
Bürgerengagement
Staat & Engagement
Wirtschaft & Engagement
Tipps für Engagierte
Wettbewerbe
Termine
Praxistipps
Leserbriefe
Berichte & Projekte
Arbeitslosigkeit
Armut
Asyl
Behinderungen
Bildung
Demokratie
Eine Welt
Einwanderung
Familie
Frieden
Geschlechter
Gesundheit
Hilfsaktionen
Jugend
Kinder
Kultur
Leben im Alter
Lebenshilfe
♦ Menschenrechte
Religionen
Sport
Straffälligkeit
Tierschutz
Umweltschutz
Verbraucher
Verkehr
Wissenschaft
Social Times
ist gefördert durch die
RobertBoschStiftung
Social Times
Konzept
Redaktionsstatut
Mediadaten
Nachrichtenfenster
Logo-Download
Impressum
epd-Archiv -Archiv
Streit um Senait Mehari

Hilfsorganisation kontert Betrugs-Vorwürfe

(Aktion Weißes Friedensband). Im Streit um den Wahrheitsgehalt der Autobiografie der Sängerin Senait Mehari hat die Aktion Weißes Friedensband einen Offenen Brief an den NDR-Rundfunkrat gerichtet. Darin weist die Hilfsorganisation auf Unstimmigkeiten im ersten Beitrag der ZAPP-Redaktion hin. Senait Mehari unterstützt die Arbeit der Aktion Weißes Friedensband.


Bild zur Nachricht

Der Offene Brief im Wortlaut

Sehr geehrter Herr Dr. Müller, wir sind betroffen, dass ein seriöser Sender wie der NDR eine solche Berichterstattung zulässt. Zunächst zur Anmoderation:

Was nicht passt, wird passend gemacht. In Änderungsschneidereien nennt man das Maßarbeit – im Journalismus Schönfärberei, manchmal sogar Schwindel oder Betrug. Ein besonders krasses Beispiel dafür hat Zapp jetzt aufgedeckt. Eigentlich geht es um eine gute Sache, das Engagement gegen Kindersoldaten. Und da gibt es eine besonders prominente Kämpferin, Senait Mehari. Alle unterstützen sie, von UNICEF bis zur Bundeskanzlerin und alle haben über sie berichtet. Dabei haben sie nie nach der ganzen Wahrheit gefragt. Julia Salden und Peter Disch über unkritische Journalisten und einen fragwürdigen Medienstar. (O-Ton Zapp-Beitrag)

Das Buch „Feuerherz“ enthält die Kindheitserinnerungen von Senait Mehari. Sie hat notiert, was ihr wichtig war und in ihrem Gedächtnis geblieben ist. Wie kann man die persönlichen Erinnerungen eines Menschen anzweifeln?

Autobiographie - von gr. autos: selbst, bios: Leben, graphein: schreiben. Die Autobiographie ist dem Wortsinne nach eine retrospektive Darstellung des eigenen Lebenslaufes, eine 'Selberlebensbeschreibung', wie der Dichter Jean Paul anschaulich übersetzte. (Quelle: UNI Essen)

Zur Machart des Beitrages lässt sich folgendes sagen: Die Redaktion begnügt sich mit Aussagen wie: "Warum, Senait? Warum? Einfach, diese Frage: Warum lügst du?" - "Ich weiß nicht, woher diese Leichen, Tote und Hunger? Sie beschreibt ja vieles, was gab’s nicht."- "Von den ersten drei, vier Seiten kann man erkennen, wer dieses Buch geschrieben hat, kennt Eritrea nicht.". Es wird überhaupt nicht deutlich, was die Aussagen bedeuten.

Abrham Mehretaab behauptet, dass es in der damaligen Provinz Äthiopiens Eritrea weder Hunger noch Tote oder Leichen gegeben habe. Tatsache ist, dass die Dürreperiode 1979 begann und die Viehbestände hinraffte. Mehr als eine Million Menschen fanden den Tod.

„Die Bilder aus Äthiopien gingen damals um die Welt und sind vielen Menschen im Gedächtnis geblieben: weit aufgerissene Kinderaugen in riesig wirkenden Kinderschädeln; apathisch wirkende junge Mütter mit dürren Babys auf den Armen; Auffanglager voll hungernder Menschen, die in entlegenen Dörfern aufgebrochen sind, um einem Gerücht zu folgen, das irgendwo Essen verhieß.“ (DIE ZEIT, 16.4.2003: "Der inszenierte Hunger")

Die Bundeswehr flog Hilfseinsätze, um Menschenleben zu retten! Es wird übrigens auch von mehr als 100.000 eritreischen Toten durch den Krieg berichtet.

Almaz Yohannes - "Agawegatha" - wird in einem kurzen Filmausschnitt als Kind gezeigt: Was ist das für ein Film? Wie kommt es, dass sie als Kind in Eritrea gefilmt wurde? In welchem Zusammenhang ist der Film entstanden? Ist es sicher, dass das darin gezeigte Mädchen Almaz Yohannes ist?

Zu den Zeitzeugen: Wie kommt es, dass plötzlich so viele ehemalige Weggefährten von Senait Mehari auftauchen? Warum melden sie sich jetzt erst? Sie werden zusammen gefilmt. War es nicht möglich, sie allein zu interviewen, durften sie vielleicht nicht allein sprechen? Ein Spitzelsystem der eritreischen Regierung ragt bis nach Deutschland. Kein Eritreer kann sich dem entziehen.

Es ist davon auszugehen, dass oppositionelle Gruppen ständig überwacht werden; jede oppositionelle Tätigkeit wird von der Regierung als staatsschädigend eingestuft. (Stellungnahme des Auswärtiges Amtes vom 30.6.2004 an VG Magdeburg - 5 A 196/04 MD)

Dies machte auch Günter Schröder als Gutachter in Stellungnahmen für deutsche Gerichte glaubhaft. (Schröder, Stellungnahme für das VG Gießen - Die Stellungnahme liegt uns vor.) Einige der Zeitzeugen haben mit Mitgliedern einer äthiopischen Flüchtlingsgruppe (Ethiopian War Resisters' Initiative) große Ähnlichkeit. Ist gesichert, dass die Zeitzeugen aus Eritrea sind?

Wir möchten die Redaktion fragen, ob es Absicht war, die Beckmann-Sendung in dem Moment auszublenden, wo Senait über ihre Rolle als Kindersoldatin spricht: Beckmann: „Mussten Sie schießen, mussten Sie mit der Waffe umgehen?“ Senait Mehari: „Sollte ich, aber ich konnte es nicht. Und das war mein Glück.“ Beckmann: „Weil Sie einfach nicht kräftig genug waren, um eine Waffe zu halten?“ Senait Mehari: „Ja!“ Und wenig später sagt Senait Mehari: „Man muss sich vorstellen: Es gibt sechs Milliarden Menschen auf dieser Welt und mein Schicksal ist nichts verglichen zu manchen afrikanischen Schicksalen, die ich kenne.“ (O-Ton Beckmann-Sendung vom 6.11.2006)

Das, was Zapp angeblich aufgedeckt hat, ist also nicht neu. Senait Mehari hat nicht behauptet, mit einer Waffe gekämpft zu haben. Das schreibt sie auch in ihrem Buch „Feuerherz“, das in der Sendung nicht zitiert wird: "Ich war zu klein, um eine Soldatin abzugeben. Zu jung, zu schwach, zu feige. Außerdem waren die Waffen viel zu schwer für mich (...) Gott sei Dank, denn sonst hätte ich damit schießen und auch treffen müssen." (Textauszug aus dem Buch „Feuerherz“ von Senait Mehari)

Ein wichtiger Punkt im Beitrag war die Frage nach den Waffen.

Christina Björk. Sie ist heute Präsidentin des schwedischen Bildungsfernsehens. Während des Krieges besuchte sie mehrmals die Lager in Eritrea. Christina Björk, Schwedisches Bildungsfernsehen: "Da waren natürlich Aufpasser, sie trugen Waffen. Schließlich war Krieg. Aber im Lager bei den Lehrern und Schülern habe ich nie Waffen gesehen. Sehen Sie die Fotos, ich habe sie selbst aufgenommen, sie sind nicht gestellt. Die Menschen dort haben versucht, den Kindern zu helfen." Doch Senait Mehari behauptet noch viel mehr: Sie sei damals Kindersoldatin gewesen - gezwungenermaßen. Die Journalisten leiden mit. Ausschnitt "Beckmann": "Senait, für uns ist das ja alles überhaupt nicht vorstellbar. Da reicht die Vorstellungskraft überhaupt nicht aus, als Kind Soldat zu sein." Und dann erzählt sie es: ihr Leben als Soldatin. Hier und anderswo. Ausschnitt "3 nach 9": "Wenn da die Rede ist von Kindersoldaten - Sie wissen, wovon Sie da schreiben?" Senait Mehari: "Ja, definitiv." Schließlich sei sie ja Soldatin gewesen. Doch die, die mit ihr damals zusammen im Lager waren, sind empört. Elias Ghere Benifer: "Es ist total eine Fiktion, das ist eine Lüge. Kindersoldat? Nein. Sie war bei uns als Schülerin." Abrham Mehretaab: "Sie hat Sachen erfunden, die es gar nicht gibt. Also, wir haben keine Waffe getragen." Eyob Araya: "Nein, nein. Das einzige, was stimmt, ist, dass sie in der Schule war. Aber ausgebildet als Soldat? Wir wurden niemals als Soldat ausgebildet." Günter Schröder: "Sie hat dieses Schicksal eines Kindersoldaten eigentlich nicht erlebt. Und es ist unfair auch gegenüber den Kindersoldaten in Liberia, in der Sierra Leone oder in Uganda. Also, wenn sie sich in diese Reihe einreiht und da einen Opferstatus reklamiert, den sie in diesem Sinne nicht gehabt hat.“ (O-Ton Zapp-Beitrag)

Christina Björk hat keine Waffen in den Schulen gesehen, die sie besucht hat. Die Zeitzeugen behaupten, dass es keine Waffen in ihrer Nähe gab. Und auch Günter Schröder bezweifelt das offensichtlich nicht! Doch in seiner Stellungnahme vom 16.4.2002 an das Verwaltungsgericht Gießen bestätigt er das Gegenteil:

Als Kinder und Jugendliche begannen zur ELF in die befreiten Gebiete zu fliehen, wurden die zunächst, soweit die ältesten unter ihnen nicht doch im militärischen Ausbildungszentrum landeten, zunächst in den Stützpunkten der ELF in den befreiten Gebieten untergebracht und versorgt. Mit dem Anwachsen ihrer Zahl begann die ELFRC Führung diese Kinder und Jugendliche in zwei eigenständige Strukturen zu organisieren:

hailetat meriH: Vanguard Forces, 14-17 Jahre tsebaH Pioneers (wortwörtlich Morgenröte, aber in englischen ELF-Texten meist Pioneers), 6-14 Jahre

Beide Gliederungen wurden als Teil der EYU angesehen und geführt... Die meriH wurden im allgemeinen als eine Vorstufe zu den regulären Kämpfern und Kämpferinnen angesehen. Sie erhielten im Regelfalle eine eigene paramilitärische Ausbildung und Waffenschulung, wurden aber nicht als Kämpfer eingesetzt, sondern meist in logistischen Diensten hinter den Frontlinien (Funker, Melder, Bürohelfer usw.) Sie verfügten über eine eigene Kultur- und Musikgruppe, in begrenztem Umfange erhielten sie neben der obligatorischen regelmäßigen politischen Schulung sporadischen akademischen Unterricht. Mit Erreichen der Altersgrenze von 18 Jahren wechselten die meriH an die reguläre Truppe. (Schröder, Stellungnahme für das VG Gießen - Die Stellungnahme liegt uns vor.)

Die Aussagen beweisen, dass die Kinder und Jugendlichen in den Lagern an Waffen ausgebildet wurden und dass es keine Schulen in unserem Sinne waren. Nach den UN-Definitionen aber waren die Kinder und Jugendlichen Kindersoldaten: "Allen UN-Definitionen zufolge verstehen wir unter Kindersoldat nicht nur den, der mit der Waffe kämpfen muss. Auch Boten, Späher und jüngere Kinder, die erst auf den Dienst an der Waffe vorbereitet werden, sind Kindersoldaten", so Andreas Rister, Sprecher der Deutschen Koordination Kindersoldaten. Diese Definition ist unstrittig festgehalten in den so genannten "Cape-Town Principles" von 1997. Erst in der vergangenen Woche ist das bei der internationalen Konferenz in Paris gegen den Einsatz von Kindersoldaten bestätigt worden. Auch das Zusatzprotokoll der UN-Kinderrechtskonvention zum Schutz von Kindern in bewaffneten Konflikten (2002) verbietet die zwangsweise Rekrutierung von unter 18-Jährigen in Streitkräften und bewaffneten Gruppen, unabhängig davon, wie sie eingesetzt werden. Das trägt maßgeblich zum Schutz dieser Kinder bei und gewährt nach Beendigung des Konfliktes den wichtigen Zugang zu Hilfsmaßnahmen. (Presseerklärung von Kindernothilfe, terre des hommes und Aktion Weißes Friedensband vom 15.2.2007)

Wir finden es merkwürdig, dass Zapp zwar bei der Pressekonferenz am 12.2.07 in der Bundespressekonferenz filmte, jedoch nicht mit Andreas Rister sprach. Er saß als Experte für das Thema Kindersoldaten auf dem Podium. Sorge um Senait Mehari beschleicht uns, wenn wir hören, was Abrham Mehretaab zum Schluss der Sendung sagt: " Irgendwann bricht sie zusammen, glaube ich.“ (O-Ton Zapp-Beitrag) Ist das sein Wunsch und das Ziel der Kampagne gegen Senait Mehari, dass sie zusammenbricht?

Bisher hat selbst die Journalisteninitiative Weißes Friedensband nie kritische Fragen gestellt. Günter Haverkamp: ‚Ich arbeite hier nicht als Journalist, das ist nicht meine Aufgabe. Wäre ich jetzt bei Monitor oder, ja, bei einem Sender, wäre ich in Ihrer Position, würde ich Ihre Arbeit machen.’ (O-Ton Zapp-Beitrag)

Frau Salden hatte bei der Vorbereitung des Interviews detailliert nach unserer Arbeit gefragt. Sie wusste also, dass wir Bildungsaktionen mit Jugendlichen zu Menschenrechtsthemen machen. Der Erfolg gibt uns recht. Etwa 50.000 Schülerinnen und Schüler haben sich gegen den Missbrauch von Kindern in Kriegen ausgesprochen. Selbstverständlich recherchieren wir für unsere Aktionen. Wir hatten und haben aber keinen Grund an Senait Meharis Geschichte zu zweifeln. Eine Autobiographie basiert auf den persönlichen Erinnerungen eines Menschen. Wir stellen Menschen, die Opfer von Menschenrechtsverletzungen werden, nicht in Frage. Wie wichtig unsere Arbeit ist, wird uns von vielen Seiten bestätigt: von Fachorganisationen, Ministerien, Schulen und Jugendlichen. Diese Arbeit wollen wir fortsetzen.

Als Journalistinnen und Journalisten bitten wir Sie: Kehren Sie zu einer seriösen Berichterstattung zurück.

Mit freundlichen Grüßen Günter Haverkamp


(Donnerstag, 22.02.)

Leserbrief
Leserbrief schreiben
Druckversion
Druckversion
Versenden
Versenden
buergernetz-logo Das Online-Netz für bürgerschaftliches Engagement Zeitspenden, Geldspenden, Nachrichten: Internetdienste für Bürger und zivilgesellschaftliche Organisationen in Deutschland.
Projektsuche:
Aktuell
Finanztransaktionssteuer
200.000 Menschen unterschreiben weltweit mehr
Hungerkrise im Niger
SOS-Kinderdörfer helfen Kindern und Familien mehr
Hilfswerke kritisieren G8
Hungerbekämpfung fehlt auf der Tagesordnung mehr
Engagement gegen Ausgrenzung
Sozialverbände fordern Runden Tisch gegen Armut mehr
Wechsel an der Spitze
Christian Schneider neuer Geschäftsführer von UNICEF mehr
Bürgerengagement
in Deutschland
Zur Bürgernetz-Engagementkarte
Bürgernetz
0
Sundermann
Jutta Sundermann, Mitgründerin von attac Deutschland
BBE-Homepage

Social Times
Warum 2 Farben?

Berichte der Redaktion

Berichte von Organisationen