«Schläge im Namen des Herrn"
Heimerziehung als "größtes Unrecht der Nachkriegszeit" kritisiert
Kassel (epd). Der Buchautor Peter Wensierski hat scharfe Kritik an den staatlichen und kirchlichen Trägern von Kinderheimen in der Nachkriegszeit geäußert. Das Schicksal zahlreicher Heimkinder in den Jahren 1953 bis 1973 sei «das größte Unrecht an Menschen, das nach dem Krieg in Deutschland begangen wurde».
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Das sagte der Journalist am
Freitagabend auf einer Veranstaltung in Kassel. Die Träger der Heime
hätten sich in der Regel bis heute nicht selbstkritisch mit dem Thema
beschäftigt, so Wensierski.
Wensierski ist Autor des Buches «Schläge im Namen des Herrn. Die
verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik», das vor
drei Wochen erschienen ist. Seinen Recherchen zufolge sind in den
rund 3.000 Heimen Kinder systematisch misshandelt und ihrer Würde
beraubt worden.
Völlig unklar sei ihm auch, warum sich politische Parteien bisher
nicht zu dem Thema geäußert hätten, so der Autor. Bei seinen
Recherchen sei er hier «auf absolute Unkenntnis» gestoßen.
Gerechtfertigt worden sei eine Einweisung in ein Heim oft auch mit
für die damalige Zeit sehr nichtigen Gründen, etwa wie: «Die Mutter
kommt mit dem Kind nicht zurecht.» Auch «Verwahrlosung» sei häufig
als Grund genannt worden.
«Es hätte jeden treffen können, insbesondere Kinder von allein
erziehenden Müttern», sagte Wensierski. Vor allem die katholische
Kirche trage große Verantwortung für die damalige Stigmatisierung
unehelicher Kinder.
Die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Hering von der Universität
Siegen bestätigte die Schilderungen in dem Buch. Die Heimerziehung
sei lange reformresistent gewesen, sagte sie. Diese Geschichte der
Heimkinder gehöre zu den am wenigsten erforschten Bereichen in der
Geschichte der Bundesrepublik. Es gebe derzeit keine Mittel, diese
Zeit wissenschaftlich aufzuarbeiten. Wensierskis Buch eröffne aber
für beide Seiten die Chance, jetzt über diese Zeit zu sprechen.
Unter den Besuchern der Veranstaltung im Kasseler Haus der Jugend
befanden sich zahlreiche ehemalige Heiminsassen, die Wensierskis
Darstellungen bestätigten. Er sei mit Keilriemen und Holzlatten
geschlagen worden, bestätigte ein Augenzeuge. Es sei ihm derzeit
unmöglich, Wensierskis Buch zu lesen: «Bei den Erinnerungen kommen
mir die Tränen», sagte er.
Eine andere Zeugin beklagte die Uneinsichtigkeit, die sie in einem
Gespräch mit ihren ehemaligen Heimleiterinnen festgestellt habe.
«Solange die nicht einsehen, dass sie eine Schuld auf sich geladen
haben, können wir auch nicht vergeben», sagte sie.
(Samstag, 04.03.)
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